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Europa erfindet die Zigeuner. Eine Geschichte von Faszination und Verachtung.

Fotos: Jürgen Weber

Wahrsagerinnen, Lagerfeuer, Wohnwagen, leichtbekleidete Frauen aber auch bettelnde und stehlende Kinder – festverwurzelte Klischees von Roma und Sinti, die unsere Wahrnehmung von Zigeunern bestimmen und als wirklich angesehen werden.

 

Der Literaturwissenschaftler Klaus-Michael Bogdal stellte in seinem Vortrag am Marianum in Fulda vor Schülern der Jahrgangsstufen 11 und 12 an einigen Beispielen heraus, welche Bilder wir vor uns sehen, wenn wir von Zigeunern reden.

 

Schulleiter Jürgen Weber begrüßte den 68jährigen Bielefelder in der Aula des Marianums  und thematisierte vor allem die Notwendigkeit der Bildung albanischer Romakinder, worauf sich auch das langjährige marianistische Sozialprojekt beziehe, das von der Schule seit 2012 stark unterstützt werde. Er erläuterte den Schülern, dass in Lezhe in Albanien die Roma sehr zahlreich und arm wären und Arbeiten leisteten, die anderen zu minder seien. Viele der Roma seien Analphabeten und Bettler, nur wenige hätten Schulbildung. Das Marianum in Fulda mit Schülern, Eltern und Kollegen hilft seit Jahren den Roma-Kindern, damit ihnen bewusst werde, dass sie dieselben Rechte hätten wie andere Kinder und damit sie gut aufwachsen könnten.

 

Professor Bogdal ging in seinem Vortrag mit dem Thema „Roma und Sinti sehen: Wie beeinflussen Literatur, Kunst und Film unsere Wahrnehmung?“ vor allem der Frage nach, wie es dazu kommt, dass sich der Zigeuner als hartnäckigstes europäisches Klischee erweist und welche Mechanismen es am Leben erhält.

 

Grundlage für seinen Vortrag machte der Professor, der seit über 20 Jahren über das Bild der Roma in der Literatur forscht, sein Buch  „Europa erfindet die Zigeuner. Eine Geschichte von Faszination und Verachtung “. Für dieses Werk wurde er mit dem Leipziger Buchpreis für Völkerverständigung ausgezeichnet.

 

In einem weiteren Beispiel, das belegen soll, wie wir uns das Zigeunerleben vorstellen, nannte er den Disney-Film „ Robin Hood “, in dem ein Zigeunerbild gezeigt wird, das den Klischees voll entspreche. Auch im Schweizer Heimatfilm „ König der Bernina“ von 1957 werde mit der Figur der schönen und tanzenden Zigeunerin einerseits der erotische Aspekt in den Vordergrund gestellt, ein gestohlenes Gewehr verdeutliche zudem die Gewaltbereitschaft, andererseits werde durch stehlende Zigeunerkinder ein politisches Programm gerechtfertigt    ( „Pro Iuventute“ ), auf dessen Grundlage in der Schweiz Zigeunern ihre Kinder vom Staat weggenommen worden seien. Die Botschaft dieses Films laute : Wer in solchem Maße wie die Zigeuner eine Bedrohung darstelle, dürfe nicht integriert werden. Das Grundmuster unseres  Umgangs mit Minderheiten sei, dass eigentlich nicht fremde Menschen als fremd und bedrohlich dargestellt würden.

 

Anhand eines Ausschnittes aus einem preisgekrönten serbischen Spielfilm verdeutlichte Bogdal abschließend die oft verzweifelte Lebenswirklichkeit und Armut südosteuropäischer Roma, die jeder Romantik entbehrten und dem Klischeebild nicht entsprächen.

 

Text: Andreas Sehn/Ulrich Kleemann



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