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Miteinander Sprechen – Zeitzeugengespräch am Marianum Fulda

Gespannt schauen die in der Aula versammelten Schüler der Jahrgangsstufe 13 des Marianum Fulda am Mittwoch, den 11. Februar 2004, auf einen alten Herrn in schwarzer Jacke, der freundlich um sich blickt. Nach einer Begrüßung durch den Schulleiter Dr. Schöppner, gibt dieser das Wort an Andreas Schleicher, den Initiator dieser Veranstaltung weiter. Mit den Worten „Ein Wanderer zwischen zwei Kulturen, man könnte fast sagen, die personifizierte deutsch-französische Freundschaft“ stellt er den 77jährigen Henry Sturges vor.

Henry Sturges hat es sich zur Aufgabe gemacht, seine Erfahrungen im Dritten Reich an die junge Generation weiterzugeben. Höflich bedankt er sich für die Einladung und beginnt seine Erzählung mit einer Frage: “Warum trete ich vor junge Menschen und spreche mit ihnen über eine Zeit, die ihr, meine jungen Freunde, zum Glück nicht erlebt habt? Ganz einfach: Ihr sollt den Unterschied zwischen damals und heute kennen lernen und erkennen, warum die deutsch-französische Freundschaft so wichtig ist.“

Henry Sturges fängt an, die Geschichte eines kleinen Jungen zu erzählen, der 1926 in Bergstein geboren wurde. Er schildert sein Leben, wie hart es damals war, und dass der kleine Junge kaum zu essen hatte. Der Vater des Jungen war arbeitslos und kehrte jeden Abend mit den selben Worten nach Hause zurück: „Wieder nichts.“ Am 13.Januar 1933 wurde Hitler Reichskanzler und nur kurze Zeit später bekam der Vater einen Brief, er öffnete ihn und sagte: „ Na endlich!“ Henry Sturges beschreibt mit zitternder Stimme und Tränen in den Augen diese Situation. Dann fährt er fort: „Das war das erste Mal, dass ich meinen Vater habe weinen sehen“. Nun ist klar, dass es sich bei dem kleinen Jungen um Henry Sturges selbst handelt.

„Da war nun ein Mann, der gibt meinem Papa Arbeit und mir zu Essen. Meine Mutter musste nun nicht mehr bis spät in die Nacht Kleider nähen, um meine Familie zu ernähren“, erläutert er mit freudigem Gesicht. „Und zu verdanken hatten wir das alles einem Mann, Adolf Hitler.“ Man kann den kleinen Jungen fast vor sich sehen, als Henry Sturges mit stolz geschwellter Brust vor den Schülern steht und von seiner ersten Uniform erzählt, die er bereits im Alter von 10 Jahren tragen durfte: „Die Ehrenkleidung des Führers“.

Als Hitler am 1.September 1939 den Krieg gegen Polen bekannt gibt, war Henry  Sturges „begeistert und wollte für Deutschland kämpfen. Die einzige Angst, die ich hatte war, dass der Krieg zu Ende sein könnte, bevor ich eingesetzt werden würde.“ Als er mit 17 Jahren endlich mitkämpfen durfte, war er, nach eigener Aussage, „stolz wie Oskar“. Die Kämpfe dauerten nur wenige Tage und die Einheit, in der Henry  Sturges eingesetzt war, wurde zerschlagen und die Überlebenden in Kriegsgefangenschaft genommen.

Mit bebender Stimme berichtet er von seinem schlimmsten Erlebnis an der Front, einem Nahkampf zwischen ihm und einem amerikanischen Soldaten. Er beschreibt mit zitternder Stimme, den Tränen nahe, wie der junge, amerikanische Soldat vor ihm zu Boden fiel, weil er ihn erschossen hatte. „ Er war gerade mal so alt wie ich.“  Henry  Sturges hält sich vor Entsetzen die geballte, zitternde Faust vor den Mund. „Und als ich in seine Augen sah, sah ich da nur noch eine einzige Frage: `Warum? Warum hast du mich erschossen?`“

Nachdem er sich wieder beruhigt hat, berichtet Henry Sturges weiter aus seinem Leben. 1947 kam er in einer Stadt bei Metz unter, in der er auch seine spätere Ehefrau kennen lernte. „Und so begann die Geschichte zwischen einem Mädchen und einem Jungen.“ Doch die Beziehung war nicht ganz so problemlos, da es sich bei dem Schwiegervater um einen französischen Widerstandskämpfer handelte, der drei Jahre zuvor von der Gestapo zum Tode verurteilt worden war. Durch die Mithilfe eines unbekannten deutschen Soldaten, konnte er jedoch entfliehen. Es dauerte einige Jahre, bevor die Beziehung der beiden von den jeweiligen Schwiegereltern akzeptiert wurde.

„Damals prägten drei Begriffe die Beziehung von Deutschen und Franzosen: - Angst, Leiden, Sterben -, heute sind es - Frieden, Freiheit, Freundschaft - “ Dies wäre ohne die deutsch-französische Freundschaft nicht möglich, denn diese garantiere uns so zu leben, wie wir es jetzt tun. Doch diese Freundschaft bedürfe auch der Pflege und Arbeit, die jeder von uns zu leisten habe. Henry Sturges richtet sich vor allem an die jungen Frauen der Schülerschaft und bittet sie, dies auch an ihre späteren Kinder weiter zu geben. „ `Mama, hilf mir!` Denn an der Front haben die verwundeten Männer nicht nach dem Führer, sondern nach ihren Müttern gerufen!“ Henry Sturges fordert die Schüler auf, sich dafür einzusetzen, dass so etwas Schreckliches, wie Krieg nie wieder passiere.

Kinder, unsere schreckliche Vergangenheit soll für euch ein Mahnmal sein! Lernt daraus.“Zum Ende seines Vortrags richtet Herr Sturges noch einen Appell an die Zuhörer: „Sprecht miteinander, auch wenn ihr denkt, ihr hättet euch nichts mehr zu sagen!“ Dies sei eine Voraussetzung zum Erhalt des Friedens. „Sprecht ihr, bevor die Waffen sprechen.“ Henry Sturges schließt seinen Vortrag mit den Worten „Nie wieder das!“, welche er in englisch und in französisch wiederholt.

Im Anschluss daran, haben die Schüler die Möglichkeit „Opa Heini“ Fragen zu stellen, die dieser bereitwillig, ehrlich und geduldig beantwortet. Anschließend gibt er den Schülern noch einen Lebensrat mit auf den Weg: „Wir können nur zwei Daten nicht beeinflussen, nämlich den Tag, an dem wir geboren werden und den Tag an dem wir sterben. Für die Zeit dazwischen seid ihr selbst verantwortlich, also nutzt sie.“

Text: Katharina Hach + Jennifer Möller, Fotos: Arno Westerhoff


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