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Zeitzeugin im Marianum:

„Dass ich überlebte, das war Zufall – wie alles in meinem Leben.“
„Niemand will mit 13 sterben.“

Eine „andere Art von Geschichtsunterricht“ erlebten die Schüler der Jahrgangsstufe 13 am 05.02.2003, als die 72jährige Evelina Merowa in einer Zeitzeugenveranstaltung von ihrem Leben in der Zeit des Holocaust erzählte.

Die Lebensgeschichte der Prager Jüdin Evelina Merowa gibt Zeugnis von einer grausamen Zeit voll von Verlusten und Entbehrungen. Sie wurde 1930 in Prag geboren. Die Jüdin litt schon im Kindesalter unter den Auflagen der Deutschen, die im böhmisch-mährischen Protektorat galten. Doch der Alltag als Jude sei zu dem Zeitpunkt noch „ertragbar“ gewesen. Im März 1942 allerdings wurden sie und ihre Familie nach Theresienstadt deportiert. Nach 18 Monaten in Theresienstadt, in denen Evelina Merowa in einem der „Kinderheime“ untergebracht war, wurden sie und ihre Eltern im September 1943 nach Auschwitz-Birkenau transportiert. „In Auschwitz habe ich immer von Theresienstadt geträumt.“ Dort seien 35 000 Menschen gestorben – „aber wer gesund war, konnte überleben.“ In Auschwitz hingegen waren neben den überaus unmenschlichen Lebensbedingungen noch die ständige Bedrohung des gewaltsamen Todes der Alltag. „In einer Nacht wurden über 3500 tschechische Juden aus dem vorherigen Transport aus Theresienstadt vergast. Wir wussten, dass wir die Nächsten sein würden.“ In Auschwitz starb der Vater der damals 13jährigen an Lungentuberkulose. Auf die Frage der Schüler, warum sich niemand gegen die Vergasungen z.B. durch Widerstand oder Aufstände wehrte, antwortete Evelina Merowa: „Warum sollte man aufständisch sein, wenn man denkt, es ginge ins Bad?“

Im Juni 1944 wurden sie und ihre Mutter in das Konzentrationslager Stutthof deportiert. Von dort aus wurden sie bei einem Arbeitseinsatz im deutschen Dorf Dörbeck eingesetzt. Nachdem die Arbeit dort abgeschlossen war – auch wieder unter miserablen Lebensbedingungen – folgte ein erneuter Arbeitsdienst in Polen, bei welchem ihre Mutter an Erschöpfung starb. Im Januar 1945 wurde von den Nazis ein Marsch nach Westen vorgetäuscht, in Realität töteten sie die Juden durch Erschießungen und mit als Typhusimpfungen getarnte Phenolinjektionen. Daraufhin flüchteten die Nazis vor der näher rückenden Roten Armee, etwa 30 übriggebliebene von einstmals 10000 Frauen, unter ihnen Evelina Merowa, versteckten sich, bis ein Soldat der Roten Armee sie fand und rettete.
 
Diesen schrecklichen Erlebnissen folgte ein Krankenhausaufenthalt in Deutsch-Erlau und einem weiteren Hospital, in denen sich die von Hunger, Kälte und Krankheit ausgemergelten Körper erholen sollten. Nach einem dreiwöchigen Transport mit dem Sanitätszug der Roten Armee wurde Evelina Merowa im Alter von 15 Jahren von dem Leningrader Kinderarzt aus dem Sanitätszug und dessen Frau adoptiert. „Dass ich die Zeit überlebt habe, das war Zufall – wie alles in meinem Leben.“

Auf die Frage der Schüler, ob sie sich jemals aufgegeben habe, antwortete sie nüchtern: „Nein. Niemand will mit 13 sterben.“

Nach knapp 60 Jahren leidet die pensionierte Professorin noch heute an Albträumen von Gaskammern und Selektionen. Einer langen Zeit der Verdrängung schloss sich eine unglaubliche Wissbegierigkeit an, in der Evelina Merowa alle greifbaren Informationen über die damaligen Geschehnisse in sich aufnahm: „Ich wollte nachvollziehen, wie so etwas passieren konnte.“ Mittlerweile will sie der jungen Generation erzählen, welche Unfassbarkeiten vor nicht allzu langer Zeit Wirklichkeit waren. Doch wirklich verkraftet und verarbeitet habe sie ihre Erfahrungen im Holocaust nicht. „Kann man etwas wie das überhaupt verarbeiten? Ich glaube nicht!“

Text: Daniela Mehler, Fotos: Jürgen Weber

Die Schüler des Marianums zeigten sich nach den Berichten der Zeitzeugin erschüttert und betroffen, zeigten aber auch Bewunderung für die Person Evelina Merowa.

 

Die Veranstaltung wurde von Geschichtslehrerin Andrea Renner in Zusammenarbeit mit der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung organisiert.



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