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“Ich sagte ja, je suis un petit verrückt.” - Ein Autor ohne Berührungsängste

Der französisch-algerische Schriftsteller Azouz Begag erzählte vor Schülern aus den Jahrgangsstufen 11-13 am 14.09.2000 von dem “Schreiben, um Mauern zu überwinden”, von sich und seinen Wurzeln.

Die vom Klett-Verlag und dem Hessischen Institut für Lehrerfortbildung und Pädagogik (Help) unterstützte Veranstaltung war von Frau Thiessen-Westerhoff organisiert worden.

Der sympathische Autor erklärte seine Einstellung und seine Sicht der Dinge mittels Erzählungen und sehr bildhafter Sprache, wobei sein Auftritt oft mehr an Schauspiel erinnerte als an eine der oft sehr trockenen Autorenlesungen.

Er gestikulierte wie wild, um den Schülern mit viel Charme, Witz und (Selbst-)Ironie in einem Mix aus Deutsch (“mais avec un accent schwab”), Französisch und ein wenig Englisch seine und die Geschichte seines Vaters nahezubringen: “...meine Eltern kommen aus einem petit Dorf - so wie Fulda.”

Text: Daniela Mehler

Als der Vater von Azouz Begag, ein einfacher Landarbeiter, 1949 aus Algerien nach Lyon kam, hatte er nicht die Absicht lange zu bleiben. Er wollte in der Fremde Geld verdienen. Bald ließ er seine Familie nachkommen. Aus dem kurzen Aufenthalt wurden Jahrzehnte. Begag beschreibt seinen Vater als einen ein wenig unwissenden und naiven Mann, der sein Glück im “El Dorado” Europas, dem Schlaraffenland “Golden Schwarzwald” suchte ... “mais le forêt war nicht golden.”

Seit 1984 ist der Soziologe Azouz Begag auch Schriftsteller. Mehr als 15 Bücher hat er inzwischen verfasst, Erzählungen und Romane vor allem für Jugendliche und junge Erwachsene; Bücher, die sich fast alle mit dem Leben und Aufwachsen in Vorstädten, mit dem Erwachsenwerden und der Ghettosituation auseinandersetzen. Er gilt als der bekannteste Vertreter der “littérature beur”, von Schriftstellern nordafrikanischer, vor allem algerischer Herkunft, die als Kinder der Einwanderergeneration in Frankreich geboren und aufgewachsen sind.

Der politisch engagierte Autor kennt die Probleme der Banlieues durch die eigene Biografie, als Schriftsteller ist er häufig zu Gast in Schulen. Für ihn ist das Problem der Integration kein Problem der Staatsangehörigkeit. Dies versucht er auch anschaulich in seinen Erzählungen zu schildern. Seine Arbeit sei eine Gratwanderung, ein Schreiben auf der Brücke zwischen zwei Welten: Zusammen mit Gilles Floret an der Gitarre forderte er die Schüler auf, bei einem Lied gegen Gewalt mitzusingen: “Des mots pour L'Idir”.

Nach dem offiziellen Teil hatten die Zuhörer noch Gelegenheit, Fragen an Azouz Begag zu stellen. Begeistert von einem nicht ganz gewöhnlichen Spracherlebnis mit Lerneffekt und beeindruckt von einem toleranten Autor, der von sich selbst behauptet: “Ich sagte euch ja, je suis un petit verrückt” verließen die Französisch-Schüler die als “Lesung” angekündigte Veranstaltung mit großem Applaus für den Schriftsteller ohne Berührungsängste.
 



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